Ryokan Hasedera, Japan

Prof. Peter Cheret, Institut für Baukonstruktion und Entwerfen - Lehrstuhl 1, Universität Stuttgart

Der Erläuterung soll die grundsätzliche Frage nach dem Pilgern vorangestellt sein. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes beschreibt die Suche nach der Fremde. Die Ausflucht aus dem sich beschleunigenden aber doch kontinuierlichen Konstrukt des Alltags. Ein persönliches Loslösen von Kultur und Gesellschaft als Protagonist, hin zu einer außenstehenden säkularen Beobachterposition, auf der Suche nach dem Neuen und nicht zuletzt nach sich selbst. Diese Erkenntnis prägt zunächst das Nachdenken über die Entwurfsaufgabe und verlangt nach einem sehr sensiblen und präzisen Umgang mit Raum und Atmosphäre.

Die Bebauung des Vorortes Hase folgt einem kleinen Flusslauf, der sich an der Tempelanlage Hase-Dera vorbei durch ein enges Tal in Richtung Nara fortsetzt. Parallel dazu erschließt eine einfache Hauptstraße sämtliche Gebäude des Dorfes. Immer wieder fallen Baulücken auf, die wie Löcher im ansonsten überwiegend homogenen Straßenbild wirken. Mit der Nähe zum Tempel spürt man eine zunehmende Dichte in der baulichen Körnung. Das städtebaulich (europäische) Prinzip einer gemeinsamen Mitte wird in dieser linear gewachsenen Struktur keinesfalls vermisst. Es bedarf vielmehr einer verstärkten Wahrnehmung der großen Straße als Hauptachse, welche sich in ihrer Rolle bis zum Tempel hin steigert.

Auf Grund der klaren Orientierung in sein Inneres sollen die individuellen Bereiche des Gebäudes in einem Spiel zwischen Licht und Schatten den Fokus des Besuchers auf sich selbst richten. Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die hierarchische Gliederung von Erd- und Obergeschoss. Das Erdgeschoss bleibt der Öffentlichkeit zugänglich und beherbergt neben einem Restaurant auch einen größeren Veranstaltungsraum. Diese Bereiche werden großzügig erschlossen und bieten die Möglichkeit, sich zu den Innenhöfen hin komplett zu öffnen. Über eine zentrale Treppe gelangt man in das Obergeschoss. Hier befinden sich im Gegensatz zum Erdgeschoss ausschließlich private Zimmer und ein Sanitärkern. Die Zimmer orientieren sich wie schon im Erdgeschoss über erschließende Flure hinweg an den unterschiedlichen Innenhöfen. Einzelne Fenster, fast wie große Schaufenster, bauen jedoch gleichzeitig auch einen direkten Bezug zum Außenraum beziehungsweise zur Stadt auf.

Der Entwurf bezieht sein Wesen aus Widersprüchen. Eine auffällig moderne, starke äußere Haut verhüllt die verletzliche Intimität des Inneren. Die Öffnung des Erdgeschosses für Veranstaltungen und Gesellschaft in einem introvertierten Haus der Rast und Ruhe. Der immer wiederkehrende Bezug zur Natur und das allgegenwärtige Spiel von Licht und Schatten. Diese Vielschichtigkeit wird durch eine präzise Zonierung und einen sensiblen Umgang mit Materialität und Atmosphäre in einem Gebäude zusammengeführt.