Museum für Mogul-Architektur in Agra, Indien

Prof. Alexander Schwarz, Institut für Öffentliche Bauten und Entwerfen, Universität Stuttgart

Entwurf mit Maximilian Janke

Ein Haus für Architektur? Nahe des Taj Mahal in Agra soll ein zeitgenössisches Museum für indo-islamische Mogul-Architektur entstehen. Neben dem Konservieren und Erhalten soll das Museum handwerkliche Traditionen vermitteln und dokumentieren. Ein Haus, das Museum ist; das einer Vielzahl an Touristen die Bedeutung der Mogul-Architektur näher bringt. Aber auch ein Haus im eigentlichen Sinne. Ein Gebäude, das allen offen steht, in einem Land, in dem traditionelle, separierende Prinzipien wie das Kastensystem nach wie vor eine große Rolle spielen. Ein Ort, der zum Verweilen einlädt und teil der Gesellschaft ist.

Wir begreifen den Entwurf als kraftvolle Skulptur, die gleichzeitig sowohl von einer starken Präsenz, als auch von einer tiefen inneren Ruhe geprägt ist. Ein Gebilde, das aus dem städtebaulichen Kontext hervortritt und somit Signalwirkung erzielt, aber auch sensibel mit der Struktur des Bestehenden umgeht. Der Entwurf soll als Solitär funktionieren und durch materialhafte Stärke eine hohe Anziehungskraft auf seine Umgebung ausüben.

Das Baufeld befindet sich an der infrastrukturellen Hauptachse der Taj East Gate Road, die die historische Anlage des Taj Mahal von Osten her erschließt. Entlang dieser sollen in den nächsten Jahren verschiedene Maßnahmen zu einer Nachverdichtung mit hauptsächlich touristischen Nutzungen führen. Diese Maßnahmen sollen die Attraktivität Agras als kulturelle Anlaufstelle über das Taj Mahal hinaus steigern und Touristen dazu bewegen mehrere Tage in der Region zu verweilen.

Die städtebauliche Situation der Taj East Gate Road gestaltet sich heterogen und ist geprägt von Solitärbauten, die keiner Struktur folgen. Der Entwurf platziert sich als langgezogener Baukörper entlang der Hauptachse und baut dadurch einen Bezug zu dieser auf. Der Baukörper gliedert sich in mehrere unterschiedlich hohe Kuben, die das Gebäude zum Außenraum hin auflösen. Dadurch scheint sich der Museumskomplex in seiner Größe dem kleinteiligen Bestand der Umgebung anzunähern ohne diesen konzeptionell zu kopieren. Trotzdem liegt dem Entwurf eine klare Struktur zu Grunde, die das Gebäude funktional hierarchisiert. Zwischen Museum und Straße soll ein langgezogener Platz vermitteln, der der Kontur des Gebäudes folgt und den Besucherstrom auf natürliche Weise zum Eingang leitet.

Die Kuben staffeln sich in Größe und Gewicht. Die Logik folgt neben funktionalen Grundgedanken der städtebaulichen Idee einer Vorder- und Rückseite des Gebäudes. Zur Straße hin baut das Museum eine starke Präsenz auf: Hier staffeln sich drei große Ausstellungskörper zum Eingang hin ab und münden in einem vierten Körper, der öffentlichen Nutzungen wie Vorträgen oder Veranstaltungen vorbehalten ist. Der Gesellschaft soll hier ein Ort gegeben werden, der weit über den eines normalen Museums hinausgeht. Ein Ort der Zusammenkunft, des kulturellen Austauschs und eines die Schichten übergreifenden Miteinanders.

Die Setzung des Museums entlang der Straße bietet weiterhin die Möglichkeit den Bestand auf dem nordöstlichen Teil des Baufeldes zu erhalten. Die bestehenden, einfachen Wohngebäude der Umgebung sollen Teil eines großen Ganzen werden und nicht durch ein Museum für eine kleine Elite verdrängt werden. Das Mughal Museum soll als Spiegelbild der Gesellschaft fungieren und so einen Beitrag zur kulturellen Weiterentwicklung Agras leisten.

Der Entwurf funktioniert als ein zusammenhängendes Gebäude. Die skulpturale Addition von Baukörpern soll das Museum nicht baulich auflösen, sondern eine abwechslungsreiche und situationsbezogene Kubatur generieren. Die einzelnen Körper werden daher von einem Betonsockel gesäumt, der das Gebäude zusammenbindet und ihm ein gemeinsames Fundament bietet.

Die Materialität spielt in Indien eine besondere Rolle, daher kommt traditionell lokales Baumaterial zum Einsatz. In der Region um Agra gibt es keine natürlichen Stein- oder Felsvorkommen, so bestehen alle Bauten früherer Zeiten in ihrem Kern aus Ziegelsteinen. Diesen rohen Umgang mit Materialien soll der Entwurf aufnehmen. Im Gegensatz zu den Bauten der Mogul-Architektur zeigt das Gebäude die Konstruktion direkt und ehrlich und macht sie somit erfahrbar. Die Konstruktion der Kuben erfolgt durch einen zweischaligen Aufbau. Stahlbetonwände bilden eine innenliegende Grundstruktur, während dieser eine klassische Mauerwerkswand im Ziegelmaß vorgelagert wird, die selbsttragend ausgebildet ist. Die thermische Trennung erfolgt über eine 10 cm dicke Schicht natürlicher und nachhaltiger Wärmedämmung (Steinwolle, Stroh etc.).

Während der rote Ziegel eine äußere Hülle bildet, welche die skulpturale Wirkung der Baukörper unterstreicht und diesen Tiefe verleiht, stellt der Sichtbeton eine glatte und ruhige Oberfläche dar, der die Innenräume des Museums in ihrer Raumwirkung unterstreicht und die großen Volumen auf den Besucher wirken lässt. Die mittlere Erschließungsachse des Museums mit ihren Innenhöfen und Sekundärbereichen setzt sich als vermittelndes Element von den starken Museumskörpern ab. Hier kommt eine leichte aus Sichtbeton-Fertigteilen vorgefertigte Konstruktion zum Einsatz. Die Säulen der Arkadengänge unterstützen die Wirkung einer leichten Struktur und machen die Haupterschließung des Gebäudes dadurch deutlich ablesbar. Der Sichtbeton zieht sich hier auch für den Besucher wahrnehmbar in den Außenbereich der Erschließungsachse weiter und vermittelt so zwischen Museum und Forschungsbereich sowie Auditorium. Auch durch die Bodenbeläge wird das Gebäudekonzept nochmals deutlich ablesbar.

Wie schon die Konstruktion orientiert sich der Belag an der baulichen Nutzung. Für die erschließende Mittelachse sind Kunststeinplatten mit einer leichten Wirkung vorgesehen. In den Museumskörpern selbst wird ein vergossener, geschliffener Estrich vorgeschlagen. Dieser unterstützt die monolithische Wirkung der Ausstellungsräume und reduziert diese auf ihre atmosphärische Raumwirkung.

Alle diese Gedanken fügen sich zu einem Entwurf zusammen, der sich durch seine skulpturale Wirkung und seinen starken, monolithischen Charakter sehr präsent platziert. Gleichzeitig bettet er sich sensibel in die besondere Umgebung ein und geht mit dieser respektvoll um. Ein Gebäude, das trotz seiner individuellen Kubatur als eigenständiges Haus funktioniert und der Gesellschaft offen steht.