Erweiterung der Architekturfakultät, Universität Stuttgart

Prof. Peter Cheret, Institut für Baukonstruktion und Entwerfen - Lehrstuhl 1, Universität Stuttgart

Welchen Ansichten und Zielen folgt die Architektenausbildung im 21. Jahrhundert? Eine Zeit in der wir global vernetzt sind, eine unzählbare Masse an Eindrücken und Meinungen in Echtzeit auf uns einwirkt und der Zugang zu Informationen nahezu lückenlos in einem unglaublichen Umfang möglich ist.

Dem Architekt, als soziokulturellem Beobachter wird mehr und mehr die Rolle zu Teil gesellschaftliche Abläufe neu zu Denken. Unterschiedliche Einflüsse prasseln auf die Gesellschaft ein und verlangen von ihr ein Umdenken in vielerlei Beziehung. Nicht das einzelne Individuum, sondern die breite Masse muss sich nachhaltig weiterentwickeln um Problemen der Gegenwart gemeinsam gegenüberzutreten. Die bebaute Umwelt spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie definiert zu einem großen Teil unseren Lebensraum und beeinflusst die Verhaltensmuster ihrer Bewohner. Der Architekt ist einer der letzten übrigen Generalisten. In seiner Verantwortung liegt es Abläufe mit objektiver Distanz zu beobachten, diese zu bewerten und auf ihr Wesentliches zu übersetzen. Aus diesem Schatz gilt es Neues zu denken und Alternativen zu Bestehendem zu entwickeln.

Diese Aufgabe verlangt nach einem Umfeld, welches sich weitestgehend bestehenden Zwängen entzieht und der freien Entfaltung von Ideen und Lösungsansätzen mit Offenheit gegenübersteht. Ein Raum, der nicht mehr als eine Hülle bzw. Spielwiese für eine große, zusammenhängende, informelle, flexible und fruchtbare Ideenwerkstatt darstellt und sich selbst gestalterischen Mitteln entzieht.

Das Grundstück liegt unmittelbar zwischen der bestehenden Bebauung der K1 und K2 Kollegiengebäude der Universität Stuttgart und der stark befahrenen Kriegsbergstraße im Norden. Es wird von allen Seiten her stark durch schon existierende bauliche Elemente geprägt. Die Erweiterung der Kollegiengebäude durch ein Foyer und den Zugang zu zwei „Tiefenhörsälen“ im Untergrund zeichnet sich auch im Außenraum ab. Hier tritt ein Sockel hervor, der sich von der natürlichen Topographie abhebt und an der Oberfläche gleichzeitig als öffentlicher Platz dient.

Weiterhin fällt das Gelände entlang der Kriegsbergstraße bis hin zur Ecke Keplerstraße um ca. ein Vollgeschoss ab. Von hier aus erschließt sich auch der bestehende Tiefhof, welcher zur direkten Entfluchtung der Hörsäle dient. Vor allem die Achse zwischen K1 und K2 und der sich zwischen beiden Gebäuden aufspannende Platz funktionieren als Hauptverteiler des Campus. Ziel des Entwurfs ist es den öffentlichen Raum des Campus weiterzudenken und daran erweiternd anzuknüpfen ohne dabei neue, losgelöste Situationen zu schaffen.

Der Entwurf soll sich dabei ungezwungen in die bestehende städtebauliche Situation einbetten, der Topographie - sowohl der natürlichen, als auch der gebauten - folgen und sich, in Anlehnung an die Vorbilder der Kollegiengebäude aus einem klaren und funktionalen Konzept heraus entwickeln.

Der erweiternde Baukörper platziert sich als langes, lineares Element entlang der Kriegsbergstraße und lehnt sich dieser an. Er bildet einen städtebaulichen Abschluss zwischen Straße und Stadtgarten. Gleichzeitig agiert er als Filter, indem das Erdgeschoss mit seinem offenen Grundriss den Platz zu großen Teilen aufnimmt und somit weiterhin eine hohe Durchlässigkeit ermöglicht. In diesem Wege-Raum befindet sich eine große repräsentative Treppe, die den Besucher nach oben in das Gebäude leitet und es erschließt.

Der städtebaulichen und topographischen Situation entsprechend gliedert sich das Gebäude in 3 Teile: Ein fester und monolithischer Sockel, der das Gelände abfängt und den bestehenden Tiefhof des K2 sensibel einfasst; Ein offenes und durchlässiges Erdgeschoss, das den Stadtraum weiterführt; Ein darauf lagernder Baukörper, der möglichst flexible und individuelle Nutzung fördert.

Der Entwurf versteht sich lediglich als Raum fassende Hülle, welche dem Nutzer größtmögliche Flexibilität bietet. Baulich enthält sie nur das nötigste. 2 Kerne nehmen die Fluchttreppen sowie ein Mindestmaß an dienenden Räumen in sich auf. Zwischen diesen verlaufen entlang der Fassade freie Treppen, die das Gebäude vertikal erschließen. In die einzelnen Geschossplatten schneiden sich Lufträume und Lichthöfe ein, die unterschiedliche Bereiche abgrenzen und durch ihre Raumvolumen eine mögliche Zonierung einzelner Nutzungen vorgeben.

Nach Außen hin soll das Gebäude sein eindeutiges Konzept in der Fassade widerspiegeln. Es soll gleichzeitig Ruhe und Präsenz ausstrahlen und dabei die Identität des Ortes mit der starken bestehenden Bebauung der K1/K2-Hochhäuser um ein zusätzliches Element erweitern.